Geschichte und Abrechnung der Videosprechstunde

Die zögerliche Einführung der Videosprechstunde ist ein gutes Beispiel dafür, wie schwer sich Deutschland mit der Digitalisierung im Gesundheitswesen tut.

Auf dem Ärztetag im Mai 2018 in Erfurt soll das Fernbehandlungsverbot in seiner jetzigen Form kippen – das hat Dr. Franz Bartmann, Vorsitzender des Ausschusses für Telematik der Bundesärztekammer, schon im Dezember 2017 auf einem Telemedizin-Kongress angekündigt. Dabei geht es darum, dass bisher Fernbehandlungen per Videosprechstunde in erster Linie für Verlaufskontrollen und ähnliches gedacht sind und daher gemäß der ärztlichen Musterberufsordnung nur für Folgebehandlungen nach vorangegangenem persönlichen Kennenlernen zulässig sind.

Ein weiterer Grund, warum die Videosprechstunde bisher nicht so richtig in Fahrt gekommen ist, liegt in der unzureichenden Vergütung. Kassenärzte können sie zwar seit April 2017 über die Ziffern 01439 und 01450 aus dem Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) abrechnen, aber es gilt eine Budgetierung auf maximal 47 Fälle pro Quartal. Damit ist die Videosprechstunde für kassenärztliche Abrechnung unattraktiv, da den Einnahmen ja auch Ausgaben und Aufwände entgegenstehen.

Bisher ist die Videosprechstunde außerdem im kassenärztlichen Bereich auf bestimmte Fachgruppen und Indikationen eingeschränkt. Zu den zugelassenen Fachgruppen gehören Hausärzte, Dermatologen, Orthopäden, Kinderärzte und einige weitere. Eine komplette Auflistung bietet die KBV auf dieser Seite: http://www.kbv.de/html/1150_30410.php

Die Videosprechstunde selbst muss natürlich entsprechend zertifiziert sein. Eine Auflistung aller zertifizierter Anbieter, darunter auch die tomedo®-Videosprechstunde Doktor-Online.org, bietet die KBV hier: Link

 

Blick über die Grenzen

Interessant ist die Videosprechstunde aber für privatärztliche Leistungen und sollte das Fernbehandlungsverbot tatsächlich gelockert werden, ergeben sich ganz neue Ansätze und Einnahmequellen für interessierte Ärztinnen und Ärzte. Dass seitens der Patienten Nachfrage besteht, sieht man an Geschäftsmodellen wie z.B. Dr. Ed: Deutsche Ärzte, die in Großbritannien ansässig sind, werden über eine Videosprechstunde von deutschen Privatpatienten konsultiert. Am Beispiel Dr. Ed (https://www.dred.com/de/) wird aber noch etwas anderes deutlich:

Ein wesentlicher Vorteil der Videosprechstunde ist naheliegend: Die Patienten sparen sich die oft mühsame Anreise zur Praxis. Gerade für ältere und gehbehinderte Patienten ist dies eine enorme Erleichterung, insbesondere in ländlichen Gebieten mit oft weiten Entfernungen zur Praxis.

Eigentlich auch naheliegend, aber wenig beschrieben ist dagegen ein Vorteil, der genau im räumlichen und persönlichen Abstand selbst besteht. Natürlich wird ein Patient auch bei einer Konsultation per Videosprechstunde (wie auch immer) identifiziert, aber es fällt vielen Menschen wahrscheinlich leichter, mit einer Webkamera über sensible Themen wie z.B. Erektionsstörungen oder STDs zu sprechen, als von Angesicht zu Angesicht mit einer Ärztin oder einem Arzt. Der Vorteil liegt hier darin, dass der Zugang zu ärztlichem Rat sehr niederschwellig ist, aber nicht etwa in einer besseren Versorgung.

Dass die Videosprechstunde darüber hinaus einen sinnvollen Beitrag zur medizinischen Versorgung leisten kann, zeigen unter anderem die Beispiele Schweiz und Australien.

Bei den enormen Entfernungen und der geringen Bevölkerungsdichte ist Australien geradezu dafür prädestiniert. Es verwundert daher nicht, dass laut des Bundesministeriums für Wirtschaft dort zwischen Juni 2011 und März 2014 bereits knapp 170.000 Behandlungen mittels Telemedizin durchgeführt wurden (Quelle: Link). Begünstigt wird die Telemedizin in Australien außerdem durch eine elektronische Patientenakte.

In der Schweiz belohnen die Versicherungen einen verpflichtenden telemedizinischen Erstkontakt sogar mit Prämien von bis zu 12 % Rabatt auf die obligatorische Grundversicherung. Hier hat sich Telemedizin schon längst etabliert und ist in einem zentralen Portal zusammengefasst (www.medgate.ch). Die teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte werden dafür umfangreich geschult und entscheiden bei jedem Erstkontakt, ob eine telemedizinsche Behandlung im jeweiligen Fall sinnvoll ist, oder der Patient nicht doch eine „echte“ Arztpraxis aufsuchen soll.

 

Mehrwerte der Videosprechstunde

Die Videosprechstunde böte außerdem eine sichere Verbindung für Konsile, wenn die entsprechenden gesetzlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geschaffen würden. Solange das nicht der Fall ist, dürfte WhatsApp eine auch unter Medizinern beliebte App bleiben. Das ist besonders schade angesichts der zunehmend schwachen Abdeckung ländlicher Bereiche mit Facharzt-Praxen. Es wäre für alle Beteiligte gut, wenn der Hausarzt vor Ort in unklaren Fällen unkompliziert und direkt Verbindung mit einem Experten aufnehmen könnte.

Wir wissen von einer unserer tomedo®-Praxen, dass sie die Videosprechstunde für Konsile unter den Ärzten ihrer verschiedenen Standorte nutzen. Dort ist außerdem geplant, sie für Rückfragen der EVAs („entlastende Versorgungsassistenten“), die auf Hausbesuchen sind, zu nutzen. Dieser Anwendungsfall wird – so berichten verschiedene Quellen – auch Gegenstand der Diskussion auf dem Ärztetag im Mai werden.

 

Blick voraus

Die Lockerung des Fernbehandlungsverbotes durch den Ärztetag ist keineswegs sicher. In einer Befragung unter ca. 3.800 Teilnehmern kam der Hartmannbund (Verband der Ärzte Deutschlands) zu einem eher negativen Ergebnis. Demnach sahen 62% der Befragten eine Lockerung des Fernbehandlungsverbotes kritisch. (Trotzdem weder Fragestellung oder Methodik noch Zusammensetzung der Gruppe ausreichend transparent dargestellt werden, hier die veröffentlichten Ergebnisse: Link)

Dem gegenüber stehen zahlreiche andere Befragungen unter Ärzten oder auch Patienten, welche einer Ausweitung der Telemedizin mehrheitlich positiv gegenüberstehen. Wesentlich detaillierter liest sich z.B. der Ergebnisbericht einer relativ umfangreichen Befragung aus dem Jahre 2015, welche die Bertelsmann-Stiftung initiiert hatte: Link.

Interesse und Akzeptanz sind also wohl auf allen Seiten vorhanden. Was bisher fehlt ist eine entsprechende gesetzliche Regelung und eine ausreichende Vergütung für die Ärztinnen und Ärzte. Wenn der neue Gesundheitsminister Jens Spahn seinen Worten Taten folgen lässt, könnte auch von seiner Seite aus neue Bewegung in die Sache kommen. In seiner Antrittsrede als Bundes-Gesundheitsminister nannte er zusammen mit Digitalisierung die „Internetmedizin“ explizit als Projekt.

Screenshot der tomedo® Videosprechstunde